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FEMINISTISCHE STÖRPRAXIS

Veränderungen der feministischen Gewaltdebatte in den letzten 30 Jahren

Von Christina Thürmer-Rohr

Gewalt an Frauen, Gewalt mit Frauen, Gewalt von Frauen
Frauen als Opfer von Gewaltverhält nissen
Frauen als Mittäterinnen an Gewaltverhältnissen
Deutsche Frauen als Mittäterinnen und Täterinnen im Nalionalsozialismus
Westliche / weiße Frauen als Täterinnen in der westlichen Moderne
Die Gewalt des Klassifizierens - Geschlecht als totalitäres Konstrukt

Ein Ausgangspunkt feministischer Bewegungen seit den siebziger Jahren war die Gewalt. In vielen Ländern der Welt haben seither Frauen entscheidenden Einfluß ausgeübt auf die Erweiterung des Gewaltbegriffs und auf die Skandalisierung des Gewaltproblems. Zugleich hat der feministische Diskurs die eigenen Positionen zur Gewalt immer wieder selbst in Frage gestellt, revidiert oder verworfen. Wenn wir den Gewaltbegriff von der körperlichen Bedrohung und Verletzung bis hin zu strukturellen Einschränkungen von Lebens- und Freiheitsrechten ausweiten und verschärfen, dann müssen wir unsere eigenen Analysen auch an dieser Definition messen und messen lassen. Das bedeutet, dass das "Geschlecht" als Kriterium der Gewalt und die geschlechtsspezifische Opfer-Täter-Unterscheidung sich relativieren. Die feministische Gewaltkritik hat somit eine dramatische Denkgeschichte durchlaufen, einen konfliktreichen Prozeß der Veränderungshoffnung und Enttäuschung, der Deutung und Umdeutung, der Zuspitzung und Differenzierung.

Erstens hat die Frauenbewegung die alltägliche Gewalt von Männern gegenüber Frauen aufgedeckt. Sie hat die im Privaten verborgene sexuelle und körperliche Gewalt als eine Gewalt gekennzeichnet, die die persönliche Integrität und die gesellschaftliche Teilhabe des ganzen Geschlechts der Frauen systematisch behindert und die Menschenrechte verletzt.

Zweitens hat die Frauenbewegung auf einer Erweiterung des Gewaltbegriffs über dessen strafrechtliche Definition hinaus bestanden. Sie hat alle zielgerichteten psychischen Schädigungen und verbalen Verletzungen von Menschen durch Menschen und somit auch die immaterielle Seite der Gewalt als Gewalt gekennzeichnet (vgl. Faulseit et al. 2001).

Drittens hat die Frauenbewegung die Gewalt im männlichen Sozialcharakter aufgezeigt. Das Alltagsrepertoire der sogenannten Männlichkeit wurde entmythologisiert und als ein ständig wiederholter Macht- und Potenzbeweis gedeutet, als Geltungs- und Unsterblichkeits phantasie, als ewiger Kampf gegen die eigene Mangelhaftigkeit, als heroische Selbstaufwertung mittels der Erniedrigung anderer.

Viertens hat die Frauenbewegung Gewalt überhaupt als ein strukturell männliches patriarchales Phänomen deklariert. Sie hat Gewalt als "normal" erscheinende kollektive Grundausstattung und gesellschaftliche Tat vorwiegend eines Geschlechts vorgeführt, die in ökonomischen, wissenschaftlichen, bürokratischen, militärischen Institutionen verankert ist. […]

Vor allem die Deutung der Gewalt überhaupt als Männlichkeits- oder Männertat statt als allgemeinmenschliche Herausforderung hatte sich auf eine feministische Theorie gestützt, die von der These der Geschlechterdifferenz ausging: von der Behauptung, dass Frauen und Männer essentiell verschieden sind oder faktisch verschieden gemacht worden sind, dass Frauen also als Andere für den gewalttätigen Gang der Geschichte nicht, jedenfalls nicht in gleicher Weise wie Männer verantwortlich sind, dass Frauen eine andere Welt wollen und dass sie, wären sie gleichberechtigt am Lauf der Geschichte beteiligt, auch eine andere, nämlich gewaltfreiere Welt schaffen könnten. Die Differenz der Geschlechter hat der Feminismus nicht erfunden, sondern er versucht, sie zu entschlüsseln. Und als solche zu entschlüsselnde Frage ist die These von der Geschlechterdifferenz bis heute ein Kernstück der Frauenforschung geblieben. […] Trotz der Allgegenwart und Offensichtlichkeit der Geschlechterdifferenz blieb die These nicht unwidersprochen. So entwickelten sich im Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte gegen die Deutung der Gewalt als eindeutig geschlechtsspezifisches Problem, gegen die Aufteilung der Welt in gewaltagierende Männer und gewalterleidende Frauen empirische und theoretische Einwände.

Diese Entwicklungen sollen im folgenden exemplarisch in fünf inhaltlichen Stationen darstellt werden. Vermutlich gibt es keinen Konsens darüber, welches Gewicht der jeweilige Aspekt für den weiteren Diskurs hatte. Andere werden andere Schwerpunkte setzen,1 und ich behaupte nicht, dass sie "den Feminismus" repräsentieren, denn einen Feminismus gibt es nicht, gab es nicht und gibt es erst recht heute nicht mehr.

Gewalt an Frauen, Gewalt mit Frauen, Gewalt von Frauen

Frauen als Opfer von Gewaltverhältnissen

In den späten sechziger und den siebziger Jahren basierte die autonome feministische Bewegung auf der These einer radikalen Geschlechterdifferenz. Alle Frauen hatten demnach - jenseits der Biologie - etwas gemeinsam, nämlich eine Gewaltgeschichte, die sie als minderwertige Menschen definiert, in die öffentliche Randständigkeit gedrängt und alltäglichen Verletzungen ausgeliefert hat, eine Geschichte der Unterdrückung, die Frauen über die Klassen- und Kulturunterschiede hinweg verbinde. Der Feminismus der Anfangszeit sah Frauen als Einheit: einerseits als kollektiv Leidtragende des Geschlechterskandals, andererseits als "revolutionäres Subjekt", dem ein gemeinsames Verändern der monogeschlechtlichen Welt zugesprochen und zugetraut wurde. Patriarchat galt als männliches Gewaltsystem ohne Frauen und gegen Frauen, als weltweites geschlechts-apartes Werk. Alles Unrecht der Vergangenheit mit seinen gegenwärtigen Folgen und alles gegenwärtige Unrecht mit seinen zukünftigen Folgen wurde damit auf gleiche Ursprünge zurückgeführt. Es fand den gleichen großen Überbegriff, die gleiche Erklärung in einer weltweit und prinzipiell gleich wirkenden männlichen Dominanz und Gewalt.

[…] Der große Singular die Frau strukturierte eine neue Unrechtsordnung und schaffte damit auch ein neues Unrechtsbewußtsein. Dieses dokumentierte sich darin, den Gegner, das Geschlecht der Männer, zur Verantwortung zu ziehen und die Selbstbestimmung der Frauen einzufordern. […] Wie jedes politische Anfangen enthielten sie mit ihrem veränderten Blick auf die Wirklichkeit einerseits die Chance, die Zwangsläufigkeit des Weiter-so zu unterbrechen, andererseits auch die Gefahr, neue Verfälschungen der Wirklichkeit zu schaffen (vgl. Thürmer-Rohr 1997). Dennoch war die Anprangerung der historischen Geschlechterordnung als Gewaltakt ein Politikum sondergleichen. Sie war geeignet, einen fraglosen und ungerechten sozialen Konsens aufzustören. Sie deckte den flächendeckenden Skandal normaler Frauenverachtung auf. Sie zeigte den Riss zwischen den Ge schlechtern. […] Sie erfand die Einheit der Betroffenen und setzte eine Zeit lang völlig unbekannte Solidaritätsgefühle unter Frauen frei. Sie machte viele Frauen zu öffentlichen Anklägerinnen. Sie verschaffte ihnen aber auch die Legitimation, sich ungehindert auf die Seite aller Geschädigten und Leidtragenden zu schlagen, sich vom Damoklesschwert eigener Kollaboration zu befreien und von eigenen politischen Schuldfragen zu entlasten.

Frauen als Mittäterinnen an Gewaltverhältnissen

Seit den frühen achtziger Jahren wurden die verallgemeinernden und entlastenden Positionen dieser Anfangszeit in Frage gestellt durch die These von der Mittäterschaft der Frauen. Diese besagt, dass Frauen den angeklagten Gewaltverhältnissen nicht wie einer von außen kommenden Macht gegenüberstehen, sondern dass sie jene auch bedienen und an ihnen mitwirken. Die Handlungen von Frauen sind demnach nicht nur aufgezwungene und ihre Handlungsbegrenzungen nicht nur durch äußere Gewalt verhinderte Handlungen, sondern sind auch selbstgewählt, oft selbstgewollt, vor allem aber den patriachalen Verhältnissen nützlich. Frauen werden nicht nur verletzt und mißbraucht, sondern steigen auch eigentätig ein, gewinnen Privilegien, ernten fragwürdige Anerkennung. Sie profitieren von ihren Rollen, sofern sie sie erfüllen. […]

Den quälenden Verdacht der Komplizenschaft von Frauen offensiv als Mittäterschaft zu benennen, war der Versuch, das Problem mit einem zu definierenden Begriff aufzufinden, ihm einen Namen zu geben, um seine politische und persönliche Dimension begreifen und Wege der Analyse und Veränderung finden zu können (Thürmer-Rohr/ Wildt 1989: 9). Die Mittäterschaftsthese verstand sich als ein methodischer Versuch, den Funktionsweisen der patriarchalen Gesellschaft auf die Spur zu kommen. Mit ihrer Hilfe sollte der hartnäckige Erfolg organisierter Ungerechtigkeiten durchschaubar gemacht werden und Frauen sich herausfordern lassen, die kollektive Unterstützungs- und Zuarbeit aufzudecken und die ritualisierte Zusammenarbeit der Geschlechter zu konterkarieren.

Das Konzept der Mittäterschaft wendete sich damit auch gegen eine General-Definition von Frauen als kollektive Opfer der Verhältnisse und damit gegen die Entlastung von eigenen Verantwortungen.

[…] Die Mittäterschaftsthese schützte Frauen nicht mehr durch eine Unrechtsdefinition, die sie in ein großes Opferkollektiv hatte verwandeln wollen. Frauen waren nicht mehr nur geprägt durch gemeinsame Leiderfahrungen, sondern ebenso durch ihre Gewohnheit, sich mit der Höherbewertung des Mannes abzufinden und sie selbst zu betreiben, gesellschaftliche Täter zu decken und sich mit der Permanenz struktureller Gewalt zu arrangieren. Frauen sind beteiligt, sofern sie die Verhältnisse dulden, nicht eingreifen, sich verstecken, sich nicht zuständig sehen, sich arrangieren und so selbst zum unentbehrlichen ergänzenden oder verstärkenden Bestandteil des ganzen Ensembles werden. Die These war eine Provokation für alle, die dem Ideal einer "weiblichen" Identität nachhingen, mit dem Frauen sich selbst gern als das "andere Geschlecht" sahen, als unwesentliche Andere oder glücksversprechende Andere des Mannes, als das Andere der Männlichkeit, das andere der patriarchalen Vernunft, im Besitz auch eines anderen Verhaltens, einer geschlechtsspezifischen anderen Moral, Sprache, Denkweise etc. Die Mittäterschaftsthese wollte jene Logiken freilegen, die eine Kollektivperson Frau als Objekt gesellschaftlicher Prägeverfahren und Gewalt produzieren will. Das Mißtrauen traf nicht nur die Männergesellschaft, sondern auch die Frau in der Männergesellschaft (Thürmer-Rohr 1989: 87ff.), und damit veränderte sich die Sicht auf beide. Zurückgewiesen wurde damit ein weibliches Selbstbild, das erstrangig einen Außenfeind - Männer, Herrschende, Täter oder "das System" - für die erfahrenen und beobachteten Leiden verantwortlich macht, irritiert wurde auch die Dauer-Empörung der Betroffenen über selbsterfahrenenes Unrecht, sofern diese Empörung den Eigenanteil systematisch verdeckt.

Die These von der Mittäterschaft vertrug sich nicht mehr reibungslos mit der feministischen Ausgangsthese von der Geschlechterdifferenz. Sie löste die eindeutige Unterscheidbarkeit zwischen Männern und Frauen, Tätern und Opfern auf, sie störte das kollektive Sich-Einrichten im angenehmen Wir der Heilgebliebenen, auch die Aussicht auf einen gemeinsamen oder gleichen Weg. Denn jeder Frau war jetzt die Entscheidungskompetenz zurückzugeben, mit der sie über den Grad ihrer Komplizenschaften wie ihrer Entstrickungen wohl oder übel selbst zu bestimmen hatte. […]

Deutsche Frauen als Mittäterinnen und Täterinnen im Nalionalsozialismus

Nachdem die Forschung zum Nationalsozialismus nach 1945 die Rolle der Frauen ausnahmslos ausgeklammert und die Frauengeschichtsforschung in den siebziger Jahren erstrangig nach Widerstandskämpferinnen gesucht oder Frauen als Leidtragende und tapfere Überlebensarbeiterinnen dargestellt hatte (siehe z.B. Kuhn, Rothe 1982), kamen seit Mitte der achtziger Jahre Zweifel auf, ob deutsche Frauen - die Mütter meiner Generation - sich wirklich von ihrer Beteiligung freisprechen oder freisprechen lassen können: Zweifel an der "Gnade der weiblichen Geburt".2 Historikerinnen begannen Zug um Zug nachzuweisen, dass deutsche Frauen nicht nur Opfer der NS-Politik waren, sondern auch andere zu Opfern gemacht haben (vgl. Koonz 1991) und - nicht nur in Ausnahmefällen - zu Täterinnen geworden sind. Der Streit um diese Frage, der als "Historikerinnenstreit" in die Literatur einging,3 geht in seinen Konsequenzen über die nationalsozialistische Ära weit hinaus (vgl. Knapp 1996: 140). Er betrifft grundsätzliche Fragen nach der Trennschärfe und Tragfähigkeit der Geschlechterdifferenz und damit auch nach der Geschlechtsspezifik der Gewalt. Es ist deswegen kein Zufall, dass die Frauen-Forschung zum Nationalsozialismus einen eminent wichtigen Einfluss auf beide, die Geschlechter- und die Gewaltfrage, ausgeübt hat.

Mittlerweile existiert ein ausführliches Wissen über die Rolle von Frauen als Vor- und Mitdenkerinnen der NS-Rassenideologie. […] Die Ergebnisse zeigen, dass offenbar die Mehrheit der - nicht verfolgten - deutschen Frauen das Gewaltsystem billigte oder sich mehr oder weniger klaglos mit ihm abfand, und eine einflußreiche Minderheit aus allen sozialen Schichten sich aktiv an Rassenpolitik und Völkermord beteiligte. Dabei herrscht heute weitgehender Konsens darüber, dass die trennscharfe Zuordnung zu den Entweder-Oder-Kategorien Opfer oder Täterin den Realitäten kaum gerecht wird (Eschenbach 1995: 4; Kuhn 1995: 30), weil viele beides zugleich waren, dass weiterhin bei allen quantitativen und qualitativen Unterschieden zwischen den Taten der Männer und denen der Frauen die Überzeugungen "ganz normaler Frauen" sich von denen vergleichbarer"normaler Männer" nicht grundlegend unterschieden (Bock 1997).

Als ein Ergebnis ihrer detaillierten historischen Forschungen nannte Gudrun Schwarz die SS und die NS-Gesellschaft ein Ensemble von Männern und Frauen (Schwarz 1997a: 7). Das ist eine folgenreiche Definition, denn sie bricht mit der alten Übereinkunft, dass es sich bei der SS um das Protobeispiel eines faschistischen Männerbundes und bei der NS-Gesellschaft um das Extrem männlicher Terrorherrschaft gehandelt habe, die sich gerade durch den Ausschluß der Frauen zu ihren einzigartigen Verbrechen fähig gemacht habe. Die Definition Ensemble von Männern und Frauen nimmt demgegenüber das Gesamtunternehmen, den Tatzusammenhang, das Gesamtgewebe des NS-Systems mitsamt seinen leisen oder stillen Akteurinnen in den Blick. […] Die Gesamtgewalt braucht auch die, die Gewalt gegen Andere nur billigen, ohne sie selbst auszuführen. Die Asymmetrie der Geschlechter birgt dann für die Frauen keine moralische Absolution mehr und das Argument der Machtlosigkeit, wie es auch in den gängigen Verteidigungsreden vom "Rädchen im Getriebe" hinlänglich wiederholt worden ist, wird damit zu nichts anderem als zu dem Versuch, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Der Beitrag der Frauen zur Gesamtleistung der Gewalt lag in der Art ihres Agierens, Mitagierens, Mitdenkens, im Umsetzen nationalsozialistischer Ideologie und rassistischer Prinzipien aus untergeordneter Position mit weiblichen Mitteln, die dem Gesamtsystem entsprachen und dienten. Solange man den Nationalsozialismus als eine faschistische Diktatur bezeichnete, die über das Volk verhängt ist, konnte er auch zur Metapher der Diktatur von Männern über Frauen werden. In einer Diktatur ist alle Macht bei den Herrschenden und wird das ohnmächtige Volk -, bzw. die ohnmächtige Frau - gewaltsam niedergehalten. Mit dem Begriff Ensemble aber wird der Nationalsozialismus nicht mehr nur als diktatorisches, sondern als totalitäres System verstanden, das die differenzierte Mitwirkung unterschiedlich positionierter Menschen braucht, die Komplizenschaft der Mehrheit. […] Die Geschlechterdifferenz dieses Systems kann die Frauen nicht von Gewalt entlasten, sie zeigt die eine und die andere Seite der gleichen Gewalt.

Westliche / weiße Frauen als Täterinnen in der westlichen Moderne

Bis Ende der achtziger Jahre hatte sich die westliche feministische Bewegung trotz aller internen Meinungsverschiedenheiten als die wesentliche Antithese zur herrschenden Norm verstanden. Diese stolze Überzeugung geriet ins Wanken durch Impulse von "außen", das kein Außen ist, sondern den Inländerinnen oft als Außen erscheint. Es war der Beginn einer zum Teil erzwungenen, zum Teil auch selbstgesuchten interkulturellen Öffnung, der Öffnung gegenüber den sogenannten Anderen. Migrantinnen aus nichteuropäischen Ländern bezeichneten den Mainstream-Feminismus als eine Variante eurozentrischen Denkens. Schwarze Frauen hielten nicht nur der weißen Gesellschaft, sondern auch dem Feminismus der weißen Gesellschaft4 rassistische Tendenzen vor, jüdische Frauen klagten antisemitische Haltungen an - für viele der Angegriffenen ein Schock, eine unbeliebte, ziemlich ungelegen kommende, zugleich aber hochnotwendige Konfrontation (vgl. Uremovid/ Oerter 1994: 7). Die "konkreten Anderen" hielten weißen deutschen Frauen einen Spiegel vor, in dem eigene rassistische Orientierungen und ein beschränkter Verantwortungsraum zu erkennen waren. […] Die Neigung, Unrechtsbewußtsein erstrangig an selbsterfahrener Gewalt zu orientieren (vgl. Thürmer-Rohr 1994b) und die selbsterfahrene Ge schlechterhierarchie zum Modell von Herrschaft überhaupt zu erheben, wurde manchen schockartig als Ausdruck der Entlastungsinteressen und Ignoranz von Mitgliedern der Weißen und westlichen Welt vor Augen geführt: als Ausdruck eigener Gewalt. Diese Konfrontation beförderte weiße Frauen auf die Seite derjenigen, von denen sie sich mehr oder weniger separiert gesehen und gehalten hatten: auf die Seite der Mehrheit in der eigenen Kultur.

Der Zusammenbruch der sozialistischen Welt und die deutsche Vereinigung führten zu weiteren Zusammenstößen und Verstummungen. Unsere gefundenen Erkenntnisse und Strategien trafen im Osten nicht auf die naiv erhoffte Gegenliebe. Wir mußten einsehen, dass "unsere" feministischen Errungenschaften in den großen Topf des Ost-West-Konflikts fielen, dass uns unser Sonderstatus als "Andere im eigenen Land" nicht abgenommen wurde, jedenfalls keinesfalls in einer von uns gefertigten Definition. Die deutsche Mauer wurde - auch als jeweilige Mauer im Kopf - zum Symbol des eingeschränkten und ausgrenzenden Blicks. […] Es zeigte sich als das, was es war: als Stoff einer begrenzten Welt, Repertoire einer Käfig existenz, deren InsassInnen meinen, hier sei die Welt versammelt, Stoff einer Kultur, die auf Kenntnis und Erkenntnis der Anderen nicht angewiesen zu sein meint, nicht auf Selbsterkenntnis über die Erkenntnis der Anderen und die Auswirkungen des eigenen Tuns auf andere (vgl. Thürmer-Rohr 1994a).

Die dramatischen Auseinandersetzungen machten den zerbrechenden oder bereits zerbrochenen Konsens unübersehbar. Er blieb nicht folgenlos. Die neunziger Jahre brachten ein weites Spektrum zwischen Verletzung, Rückzug, Dialogversuchen und neuen Ar beits inhalten zutage. Zu den letzteren gehören z.B. die Geschichte der westlichen Hegemonie, die weitgehend aus dem "normal"-feministischen Wissensrepertoire ausgespart geblieben oder wiederum nur geschlechtsspezifisch und opferorientiert gedeutet worden war, die Geschichte des europäischen Kolonialismus, des weißen Rassismus und modernen Antisemitismus. […]. Identitätspolitik, die ,die Frauen' repräsentieren will, stülpt eine Perspektive allen anderen über, womit der westliche Feminismus eine eigennützige Veranstaltung von und für westliche Frauen würde. […]. Der Versuch, die Hälfte der Menschheit unter den verschiedensten Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Herkünften in einem allumfassenden androzentrischen System zusammenzuschmieden, wurde als Aneignungsakt vorgeführt, der einer Form von Kolonisierung gleichkommt. Feministische Kritik begann, sich mit diesen Definitionsgesten zu befassen, die sich zu universalen Ursachenanalysen hatten ermächtigen wollen und die die ethnischen, rassistischen, ökonomischen Unterdrückungen durch die westliche Kultur zum nachgeordneten Faktor gemacht hatten. […]

Einfach waren solche Einsichten nicht. Wir hatten zuerst das verzweifelte Gefühl, dass alle unsere Erkenntnisse und Werte im Leeren verpuffen. Das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur dominanten westlichen Kultur gab den Realitäten ein neues erschreckendes Gewicht - dem realen Hass der Betroffenen auf kulturelle Kolonisierungen durch den globalisierten Westen, dem Hass auf westliche Lebensformen und auf eine Freiheit, die sich oft in zynischer Selbstbehautung erschöpft, ebenso dem Weißwaschen der Gewaltförmigkeit, der Blindheit und Ignoranz gegenüber ihren Folgen, der selbstverständlichen Gleichgültigkeit gegenüber Anderen. Das war eine Konfrontation nicht mehr mit männlicher Gewalt, sondern mit der Gewalt der Moderne: mit einer kulturellen Differenz, für die alle, die von ihr profitieren, gleichermaßen verantwortlich sind. Mit der Thematisierung des Rassismus im weitesten Sinne konnte die Frauenbewegung nicht mehr an der Hypothese festhalten, die Geschlechterdifferenz sei das konstituierende Element zwischenmenschlicher Gewalt. […]

Im Streit zwischen einheimischen, migrierten, weißen, schwarzen, christlichen, jüdischen, islamischen, nördlichen, südlichen, westlichen, östlichen Frauen machten sich zunächst alle zu Repräsentantinnen ihrer jeweiligen kulturellen Herkünfte bzw. wurden dazu gemacht: zu Repräsentantinnen historischen und gegenwärtigen Unrechts auf der Täter- oder der Opferseite des Weltgeschehens. Westliche Herkunft bedeutete Herrschaft, östliche Herkunft bedeutete Antifaschismus, lateinamerikanische Herkunft bedeutete Kolonisation, afrikanische Herkunft bedeutete Versklavung, jüdische Herkunft bedeutete Holocaust etc. Mit dieser Grobheit politischer Begrifflichkeiten wurden Gräben vertieft, die solange vollkommen unüberwindlich erschienen, wie wir uns gegenseitig nur und ausschließlich als Stellvertreterinnen unrechtsausübender bzw. unrechterleidender Systeme, Kulturen, Geschichten wahrnahmen […]

Die Gewalt des Klassifizierens - Geschlecht als totalitäres Konstrukt

Außerhalb der feministischen Diskurse waren schon in den siebziger/achtziger Jahren in verschiedenen europäischen Ländern Denkrichtungen entstanden, die großenteils als Widerstandslinien gegen die politisch-moralischen Katastrophen und damit gegen das Versagen der Moderne entstanden waren, sog. postmoderne Ansätze. Zugrunde liegt ihnen - jedenfalls einigen - die Erschütterung über die ökonomische, politische, militärische, ideologische Gewalt der Moderne und der als modern gekennzeichneten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts, über die Utopien der Säuberung, über den gewalttätigen Bezug gegenüber den Anderen und dem Anderen überhaupt. Als eine Konsequenz aus dieser Geschichte stellten postmoderne Denkansätze die Erfindung trennscharfer Kategorien in Frage, mit denen Kulturen und Menschen definiert, einsortiert, aussortiert, eingeschlossen und ausgeschlossen werden. Das Klassifizieren selbst wurde als Gewaltakt diagnostiziert, als eine Gewalt, mit der das der jeweiligen Norm nicht zugehörige "Andere" aussortiert wird - der Fremde gegenüber dem Einheimischen, der Ausländer gegenüber dem Staatsbürger, der Schwarze gegenüber dem Weißen, der Jude gegenüber dem "Arier", die Frau gegenüber dem Mann etc. (z.B. Bauman 1992). Die Kritik an solchen Kategorien, die einerseits die Einheit der Zugehörigen konstruieren, andererseits deren Fundamentalunterschied zu allem Nichtzugehörigen behaupten, ist letztlich eine Kritik an allen Totalaussagen und totalitären Definitionen, die Menschengruppen zum Singular, zur Einheit machen wollen und damit die Pluralität der immer verschiedenen Menschen zerstören.

Die postmoderne Kritik übte einen starken Einfluß auf das feministische Denken der neunziger Jahre aus. Sie brachte eine neue radikale Sicht auf Gewalt mit sich. Sie kennzeichnete die gewohnten Einteilungen mit den ihnen innewohnenden Identitätsvorstellungen, den Ordnungsswahn von Unterscheidungen mit ihren qualifizierenden und hierarchisierenden Absichten als immer ausschliessenden Gewaltakt. Sie bestritt damit auch jedes Recht auf definierende Zugriffe auf andere Menschen. Diese Positionen waren eine weitere folgenreiche Attacke auf die These von der Geschlechterdifferenz. Denn diese Differenz basiert ja gerade auf den trennscharfen Kategorien männlich - weiblich, Mann - Frau und schließt alle Unstimmigen aus, alle, die das "falsche Leben" leben, der falschen Kategorie angehören, keine eindeutigen Identitäten oder nur Bindestrichidentitäten vorweisen können.

Die Kritik trifft auch das feministische Subjekt "die Frau". Diese angebliche Einheit "Frau" ist ein Ergebnis von Kategorisierungsverfahren, die selbst Ausdruck von Gewalt sind, einer gewaltsamen Einteilung der Vielheit der Menschen in zwei Geschlechter. Mit einer Kritik, die sich gegen alle Kategorisierungen von Menschen richtet, die deren Pluralität zerstören6, bleibt von der Zweigeschlechtlichkeit und vom sogenannten Weiblichen nicht viel mehr übrig als das einfältige Ergebnis eines einfältigen Herrschaftsaktes. In dieser Sicht sind "die Frau" und "das Weibliche" ein totalitärer Reflex auf eine totalitäre Geschlechterpolitik. Und das Totalitäre dieser Geschlechterordnung wird vom Feminismus in dem Moment übernommen, wo er mit der Besprechung und Hochjubelung von Weiblichkeit das Konstrukt wieder und wieder schafft und füllt. Die Kategorie "die Frau" oder "die Weiblichkeit" geben überhaupt nur solange ein Sinn, wie mit ihnen Gewalt aufgedeckt und boykottiert werden kann, statt wieder in essentielles Gut verwandelt zu werden. Geschlecht ist eine zu vervielfältigende, perspektivisch sogar eine aufzulösende Kategorie. "Das Subjekt des Feminismus dekonstruieren heißt nicht, den Gebrauch des Begriffs "Frauen" zensieren, sondern ihn in eine Zukunft vielfältiger Bedeutungen entlassen, ihn von den maternalen oder rassischen Ontologien befreien und ihm freies Spiel geben" (Butler 1993: 50). Feministischer Arbeit ginge es damit um die Dekonstruktion der erzwungenen oder eingebildeten Einheit Frau, allgemeiner um die Demontage gewaltsam über Menschen verhängter Konstrukte überhaupt, um eine Störpraxis, mit der die Pluralität auch für das zur Einheit gezwungene oder sich zwingen lassende Geschlecht "Frau" eingefordert wird.

Was hier zurückgewiesen und jedenfalls gedanklich aufgelöst wird, sind die männlichen Herrschaftsansprüche ebenso wie die Herrschaftsansprüche der westlichen Moderne, sind die Konstrukte der Zweigeschlechtlichkeit und Geschlechterdifferenz und alle auf biologischen Prämissen beruhenden Menschendefinitionen. Diese Kritik, als feministische Kritik vorgetragen, spricht nicht mehr aus der Position von Opfern. Sie denkt Frauen der westlichen Welt nicht mehr als Gewaltgeschädigte, sondern als Zeitgenossinnen, die in die Gewaltpraktiken der eigenen Kultur verstrickt sind, die Einfluß nehmen können auf die Fortsetzung wie auf die Eindämmung der Gewaltnormen, also selber handeln können und ihr Handeln selber verantworten müssen. Und sie tun es, indem sie die Pluralität der Menschen als eine Antithese zur Gewalt für sich selbst und für alle einzufordern haben. Differenz meint hier, zu respektieren, dass der/die Andere der/die Andere bleibt. Dieser Differenz muss die Politik Rechnung tragen, indem sie die Pluralität im Sinne eines gerechten Zusammenlebens der Verschiedenen organisiert.

Angesichts dieser Denkgeschichte ergibt sich ein breites Spektrum neuer Fragen. Wenn Differenz und Pluralität zu Schlüsselbegriffen eines politischen und damit auch eines feministischen Denkens werden, dann geraten die Konsequenzen des historischen Geschlechterentwurfs als eines totalitären Konstrukts in den Mittelpunkt der Kritik. Mit dieser Kritik würde feministische Theorie zu einem Bestandteil der Totalitarismusforschung werden. Als die Kehrseite des gleichen Ansatzes taucht die Frage nach einem dialogischen Denken und Handeln auf, das Ernst macht mit der Zurückweisung kategorisierenden Denkens und totalisierenden Deutens. Der Dialogismus verzichtet auf Kategorien, die Menschen vorab beurteilen und definieren und sieht in solchen Definitionen selbst Mittel der Gewalt. Gewalt, an der sich feministische Kritik entzündet hatte, bekommt damit neue theoretische und praktische Akzente. Wir bewegen uns auf unsicherem Terrain. Kooperationen und Brücken können erst entstehen, wenn wir die totalisierenden Sichten auf andere und auf uns selbst aufgeben und uns auch als Personen begegnen, denen zuzutrauen ist, selber zu handeln, das Politische zurückzufordern und der Gewalt in ihren unendlichen Gesichtern zu widersprechen - der Gewalt, die wir erfahren ebenso wie der Gewalt, an deren Funktionieren wir selbst beteiligt sind (vgl. Thürmer-Rohr 1993).

1 Z.B. Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis: Gewalt. Heft 56/57, 2001.
2 Die Formulierung nimmt Bezug auf den viel kritisierten Satz des Bundeskanzlers Helmut Kohl, der im Hinblick auf die Geschichtsverantwortung von der "Gnade der späten Geburt" gesprochen hatte. Siehe: Windaus-Walser 1988.
3 Beginn der Debatte mit dem Streit zwischen Gisela Bock und Claudia Koonz: vgl. Bock 1989: 563-579 und Koonz' Erwiderung auf Gisela Bocks Rezension von ,Mothers in the Fatherland', in: Koonz 1992:400-404.
4 Z.B. Lorde/Rich 1991; Joseph 1993; Frauen gegen Antisemitismus 1993; Kappeler 1994; Fuchs/ Habinger 1996; hooks 1996; Urernovk/ Oerter 1994.
5 Z.B. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Afroamerikaner/innen, Afrodeutsche, Deutsch-Türken, jüdische Deutsche etc.
6 Siehe dazu zur Orientierung: Arendt 1993; Arendt 1992: 164ff.

Der von uns geringfügig gekürzte Artikel von Christina Thürmer-Rohr ist erschienen unter dem Titel: "Veränderungen der feministischen Gewaltdebatte in den letzten 30 Jahren" in "Frauen und Gewalt. Interdisziplinäre Untersuchungen zu geschlechtsgebundenen Gewalt in Theorie und Praxis." Antje Hilbig/Claudia Kajatin/Ingried Miethe (Hginnen). Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2003

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