Käthe Leichter Preis - Dankesrede Ruth Klüger
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Dankesrede von Ruth Klüger für die Verleihung des Käthe Leichter Preises im Parlament am 21. 09. 2006

Sehr geehrte Herren,

sehr geehrte Damen!

Über Leben und Leistung von Käthe Leichter erfuhr ich zum ersten Mal vor drei Jahren, als ich ein Semester lang an der Universität Wien die Käthe Leichter-Gastprofessur bei den GermanistInnen innehatte. Obwohl ich schon emeritiert war, hatte ich die Einladung gerne angenommen, als eine Gelegenheit, doch noch eine engere Verbindung zu meiner Geburtsstadt herzustellen, die meine Heimatstadt nicht hatte sein wollen, wo ich weder mit den anderen Wiener Kindern in die Schule noch in den Prater durfte, wo ich den Judenstern trug und schließlich deportiert wurde – die aber eben auch die Stadt meiner Elterngeneration ist. Mein von den Nazis ermordeter Vater hat an der Universität Wien Medizin studiert, und es war mein Ehrgeiz oder meine Hoffnung – ist es auch heute noch – ihn und seine Generation einzuholen, mich einzureihen in die natürliche Folge von Eltern und Kindern, die durch die Hitlerzeit unterbrochen worden war. Eigentlich eine Unmöglichkeit, denn die Vergangenheit kann selbstredend nicht ungeschehen gemacht werden, und doch schien es, scheint es auf ganz persönlicher Ebene möglich, doch noch auf Abwegen eine, wenn auch abwegige Wienerin zu werden, sozusagen ein Erbe zu reklamieren: das Erbe der sozial bewussten jüdischen Mittelklasse dieser Stadt, aus der ich stamme.

Käthe Leichter war die Generation meines Vaters. In den dreißiger Jahren hätte ich, dem Jahrgang nach, mit ihrem jüngeren Sohn im Park in der Sandkiste spielen können, bevor man uns beide 1938 aus selbiger Sandkiste hinauswarf. So war sie, Käthe Leichter, ein Teil der Müttergeneration, die mir, bekennende Feministin, die ich bin, den Teil meines geistigen Erbguts zu verwalten schien, zu dem die Väter und männlichen Zeitgenossen weniger Zugang hatten. Wenn ich in die Eingangshalle der Universität trat, so schien mir mein ermordeter Vater nebenher zu gehen, und ich wünschte mir, sein Gespenst möge nicht skeptisch über die wiedergekehrte Wiener Tochter urteilen; aber wenn ich den Vorlesungs- oder Seminarraum betrat, so war es eher die ermordete Käthe Leichter, der ich es recht machen wollte. Denn eine Spaltung zwischen männlichen und weiblichen geistigen Interessen war hier in Wien weitaus spürbarer als an den amerikanischen Universitäten, mit denen ich vertraut und wo ich tätig war. Ich war ja als Käthe Leichter-Professorin verpflichtet, zur Frauenforschung beizutragen und um diese Auflage zu erfüllen, behandelte ich ausschließlich Autorinnen und Dichterinnen. Zu meinen literaturgeschichtlichen Vorlesungen kamen etwa 200 Studentinnen, darunter etwa fünf oder sechs waghalsige Studenten. In meinem Seminar über die Lyrik verfolgter Dichterinnen waren mehr als 40 TeilnehmerInnen, darunter zwei Männer. Frauen lesen selbstverständlich Bücher, die von Männern geschrieben sind, sie sind sogar die Hauptabnehmerinnen solcher Bücher, Männer ihrerseits lesen nur selten die Werke von Frauen. Den großen Zulauf, der während des Semesters nicht stockte sondern anhielt, verdankte ich bestimmt weit weniger meinen pädagogischen Fähigkeiten und meiner wissenschaftlichen Beschlagenheit als der schlichten Tatsache, dass auch die angesehensten meiner Autorinnen sonst nicht auf dem Lehrplan standen. Das wurde mir mehrfach von den Hörerinnen versichert. Die überwiegende Mehrheit der Studierenden in der Literaturwissenschaft ist weiblich, die Kollegen waren allesamt Männer. Und zwar Männer, die sich nie danach erkundigten, was ich mit meinen Studentinnen gerade las oder an welchen Fragestellungen wir arbeiteten. Tatsächlich kannte ich fast keinen dieser Herren: sie waren Namensschilder vor verschlossenen Türen. Das kollegiale Klima schwankte zwischen eiskalt und gleichgültig, und das Gespenst meines Vaters flüsterte höhnisch: No eben, was hast du hier zu suchen, wenn’s dir in Amerika doch gut geht! Der Versuch, die Vaterstadt durch die Arbeit an seiner alma mater wiederzugewinnen, schien fehlzuschlagen.

Aber nicht alles war verloren. Dem Gespenst der Käthe Leichter konnte ich es schon eher recht machen. Zwar war sie keine Literaturwissenschaftlerin gewesen und konnte nicht beurteilen, ob das, was ich über Annette von Droste-Hülshoff, über Ebner-Eschenbach oder über Anna Seghers zum besten gab, auch Hand und Fuß hatte, aber ihr Geist konnte sicher erkennen, dass ich das weibliche Selbstbewusstsein meiner Hörerinnen stärkte und im Seminar das kritische Selbstinterpretieren befürwortete und Mut machte, statt der Sekundärliteratur das eigene Gefühl und Verständnis für Gedichte walten zu lassen. Und das war der Abweg, der Umweg zurück zu Wien: durch Frauen.

Auch außerhalb der Arbeitssphäre war es nicht anders. Seit ich das Buch „weiter leben“ geschrieben habe, waren es vor allem Frauen, die mich kennen lernen wollten, und die auch Männer auf mich aufmerksam machten. Wenn ich in den letzten vierzehn Jahren zu Besuch nach Wien kam, so standen fast immer ein paar freundliche Frauen am Bahnhof, waren die eigentlichsten Gesprächspartnerinnen, schleppten mich zu feministischen Veranstaltungen, wo manchmal ein so dickes Wienerisch gesprochen wurde, dass ich zu meiner Beschämung nur die Hälfte verstand, machten es jedoch im Übrigen durch ihre Herzlichkeit klar, dass ich mich zu ihnen zählen durfte.

Inzwischen hat mich Österreich in Kalifornien, wo ich wohne und wähle, eingeholt, nämlich in Gestalt unseres Gouverneurs Schwarzenegger, der in einigen Wochen neu gewählt oder abgewählt werden muss. Überhaupt rücken die westlichen Länder, allem Anschein zum Trotz, immer näher zusammen, die Argumente und Gegenargumente in der Wahlkampagne sind einander auch sprachlich ganz ähnlich, ich merk´s beim Lesen der hiesigen Zeitungen. Das trifft auch auf die Frauenrechte zu. Als Käthe Leichter volljährig war, durfte sie – weil Frau – noch nicht wählen und in bürgerlichen Kreisen waren weibliche Kleidung, Kopfbedeckung und Frisur von der guten Sitte noch so eng vorgeschrieben, dass eine Abweichung davon entweder Entehrung der Familie oder politisches Aufbegehren bedeutete. Wenn wir uns über die Begrenzungen des Frauendaseins in nicht-westlichen Ländern empören, so vergessen wir leicht, dass auch bei uns die Gleichberechtigung noch in den Kinderschuhen steckt. Die Emanzipation ist älter und erwachsen, das heißt die jungen Frauen sind selbstbewusster und selbstsicherer geworden, woran Käthe Leichter ihre Freude hätte, aber die Gleichberechtigung stolpert immer noch auf wackligen Füßen und fällt öfters auf die Nase. Da soll man sich nicht wundern, wenn sie manchmal ganz unmusikalisch und weinerlich raunzt: aufgeschlagene Knie tun weh. Das ist in Amerika nicht anders als in Österreich – hier wie dort lässt sich spielend nachrechnen, dass Frauen weniger verdienen als Männer, oft auch für dieselbe Arbeit. Die Literaturwissenschaften in Deutschland und Österreich sind ein Studium, das bis zu 80 Prozent von Frauen gewählt, aber zu 80 oder einem noch höheren Prozentsatz von Männern an der Uni unterrichtet wird. Und diese Männer versagen. Die relativ geringe Zahl von weiblichen Promotionen oder gar Habilitationen kann man den Lehrern doch wohl anlasten, obwohl die meisten sich wundern, wenn man sie mit diesem Problem konfrontiert, als sei es ihnen noch nie ein- und aufgefallen, dass sie mitschuldig sind. Um die Frage auszuweiten, lässt sich die Behauptung vertreten, dass jede Zurücksetzung einer Frau oder eines Mädchens, alles was sie entmutigt, sich öffentlich zu engagieren, sei es in der Wirtschaft, der Politik oder der Kultur, mehr ist als eine persönliche Verletzung: es ist auch eine Schädigung des Gemeinwesens. Denn alle fortschrittlichen Länder sind auf die Mitarbeit ihrer Bürgerinnen angewiesen, könnten gar nicht mehr ohne uns auskommen. Die Benachteiligung der Frauen in den weniger konkurrenzfähigen Nationen schadet daher auch den dortigen Männern, auch wenn sie sich privilegiert vorkommen. Eine merkwürdige Blindheit, die aber auch im Westen in gemilderter Form, nicht unbekannt ist.

Ich danke der Jury für diese schöne Ehrung, die mich in den Kreis der fortschrittlichen österreichischen Frauen aufnimmt. Ich danke besonders Frau Ackerl für ihre Laudatio. Und möchte an dieser Stelle auch den Frauen in dieser Stadt danken, die mich hier immer mit offenen Armen empfangen, vor allem den Feministinnen in und um die alte, tapfere, unterschätzte, aber unverwüstliche Frauen-Zeitschrift AUF, der ich die Blumen überreicht habe. Preise und Ehrungen sind ja immer unverdient, weil so viele andere KandidatInnen einen ebenso guten Anspruch darauf hätten. Aber die heutige Anerkennung hat für mich eine gewisse innere Berechtigung, insofern als Käthe Leichter, eine Wiener Jüdin wie ich, meine Mutter hätte sein können. Zwar ein besserer Mensch als ich, aber gerade darum eine Vorgängerin, mit der man sich gerne verwandt fühlt.

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