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Faszinosum AmazoneDie Amazonen - unendlich viel wurde über sie erzählt und geschrieben, unendlich oft wurden sie dargestellt, sicher belegt ist wenig. Eva Geber sieht sich die Mythen an und befragt sie nach ihren Ursprüngen. Die Attraktivität der Amazonen auf die Emanzipation von Frauen hat eine lange Tradition, die in der Neuen Frauenbewegung weiterlebt. Nicht nur die berühmten und in unserem europäischen Kulturkreis vielfach rezipierten und bearbeiteten griechischen Mythen sind für uns faszinierend, sondern auch - und vielleicht mehr noch - andere Geschichten oder Forschungsergebnisse über matriarchale Länder oder Gemeinden, über kämpfende oder herrschende Frauen anderer Kulturen. Es ist die Unabhängigkeit, die Autonomie, die uns begeistert, und das Bild von Frauen, die sich aufgrund ihrer Kraft männliche Zumutungen nicht gefallen lassen müssen. Die Frauenstaaten oder -staatengebilde erscheinen als vernünftige Institutionen, die ein angenehmes, größtenteils friedliches Leben in kulturell hochstehenden Formen gewährleisten. Auf der anderen Seite erzählen uns die Männer des Altertums von wilden männerlosen Frauen, die für ihre besondere Kampfkunst, dem Bogenschießen, eine Brust opfern. Auf welche Weise die gefährlichen Amazonen in die Fantasie der Griechen geraten waren, dafür gibt es lediglich Indizien. Eine Inspiration könnten die den Griechen bekannten skythischen Reitervölker sein, in denen, so wird berichtet, Frauen mitgekämpft haben sollen, Frauen, die in ihrer Gesellschaft einen hohen Status hatten. Vor den also wie immer erdachten oder seit langer Zeit schon aus überlieferten Erzählungen bekannten Kämpferinnen hatten die Männer offenbar großen Respekt. Jedenfalls bieten sie die berühmtesten starken Helden der Antike auf, um gegen die amazonische Kraft eine Chance zu haben. Es genügt nicht, eine kleine Unterläufer-Lehrlingstruppe ihr Anfangsstückel machen zu lassen, um der kriegerischen Reiterinnen Herr zu werden. Es bedarf des Helden Theseus, König von Athen - ein Nachkomme der Tantaliden, die auch keine durchschnittlichen Erdenbürger waren -, um sich der Amazonenkönigin Antiope oder Hyppolite zu bemächtigen. Es bedarf der unglaublichen Kraft des Halbgotts Herkules, um eben diese Hyppolite zu besiegen, und es bedarf des größten und brutalsten Helden vor Troja, Achilles, um die Amazonenkönigin Penthesilea zu töten. Das heisst, die amazonischen Kriegerinnen wurden in ihrer Kampfkraft sehr hoch geschätzt. Um aus durchsichtigen Gründen einem amazonischen Einfluss auf "ihre" Frauen vorzubeugen, fiel den griechischen Männern zur Abschreckung die behauptete Brustlosigkeit ein, die unheimlich wirkt durch die Brutalität der lebensgefährlichen Verstümmelung, und ausserdem - größter Schock! - den Verlust weiblicher Anziehungskraft impliziert. Konfrontiert mit der wehrhaften Männerablehnung der Amazonen blieb als Rückzugsgefecht: Die Brustlosen sind schiach und kriegen drum auch keinen Mann ab - ein anderes Wort für: Die Trauben sind uns viel zu sauer. Der schon erwähnte Theseus übrigens führt uns auch nach Kreta, jener Insel, auf der im Labyrinth der schreckliche Minotaurus wütete. Dort finden sich Abbildungen der "Stiertänzerinnen", schwerelosen weiblichen Akrobatinnen, die über die gewaltigen und gefährlichen Stiere hinweg voltigierten. Und, aufgepasst, diese Tänzerinnen haben ihre Brüste mit Bändern flach und fest an den Körper gebunden. Heute werden Frauen für den Sport zwei Arten von festen Büstenhaltern angeboten, die verhindern, dass der Busen beim Laufen herumschlackert, was oft unangenehm oder schmerzhaft ist. Es gibt ein spitzig zulaufendes Modell, nennen wir es das ägyptische nach den Pyramiden, die es aus dem Busen formt, und ein fest abflachendes - der Name minoisch drängt sich dafür irgendwie auf. Die alten Bildhauer haben sich von der Brustlosigkeit auch nicht überzeugen lassen und schön symmetrische zwei Stück Brüste an die kräftig-sportlichen Amazonenfiguren gehauert. Eine andere Bedeutung als "brustlos" für Amazonen (s. S 4) könnte aus dem tscherkessischen Wort für Mond kommen: der heisst dort "maza". Letztlich ist die Konstruktion der Brustlosigkeit insofern nicht überzeugend, als die Amazonen ihre Fortpflanzung wünschen, darin sind sich die Erzählungen einig. D.h. also sie wollen Mütter werden - von Mädchen vorzugsweise -, und Mütter wollen bzw. müssen stillen (jedenfalls in früheren Zeiten) und dafür empfehlen sich zwei Brüste, eine Tatsache, deren Wissen auch bei den Amazonen vorausgesetzt werden kann. Auf Kreta finden wir die berühmte Streitaxt Labrys. Diese Doppelaxt, die das Labyrinth zierte, schwingen der Sage nach die Amazonen im Krieg, sie dient aber auch den Priesterinnen als zeremonielles Szepter im Kult für Gaia, Rhea oder Artemis. Das große Faszinosum ist die Selbstermächtigung im Frauenstaat. Die Frauen, so wird nicht nur bei den Griechen erzählt, die Frauen gründen diesen Staat, um von Männerunterdrückung befreit zu sein. Sie beschützen ihn durch die kriegerische Ausbildung ihrer Mädchen, und sie schützen innerhalb dieses Staates die Frauen in sehr konsequenter Weise. Es gilt, die solidarische Frauengemeinschaft zu erhalten, geschlechtliche Vereinigung mit Männern ist nur einmal im Jahr erlaubt - zum Rosenfest in "Penthesilea" bei Kleist - und es schickt sich nicht, sich dazu den Mann selbst auszusuchen, d.h. mit ihm eine individuelle Beziehung einzugehen. Die Männer sind meistens "Beute", und beim Erkämpfen der Beute ist ein persönlicher Wunsch verpönt. Eine egoistische persönliche Beziehung gefährdet den Frauenstaat, dessen Wohlergehen hat aber höchste Priorität. Bei Kleists "Penthesilea" erscheint der Frauenstaat gegenüber dem Männerstaat als eine vernunftgetragene Alternative, die auf persönliches Heldentum verzichtet, Kriege nur führt, um die eigene Unabhängigkeit zu wahren, oder Gefangene für die Fortpflanzung zu machen. Danach werden die Männer bekränzt und beschenkt nach Hause geschickt. Anderen Erzählungen zufolge werden sie nach erfolgter Befruchtung getötet, was ganz nach der unheimlichen Spinne mit dem Namen schwarze Witwe klingt. Patriarchale Irritation über Amazonen auf der männlichen, Faszination auf der weiblichen Seite. Da wir aber mit Mythen alleine nicht zufrieden sind, versuchen wir Nachweise zu finden, die aber leider sehr spärlich ausfallen. Mit Jubel haben wir von Frauengräbern mit kriegerischen Grabbeigaben im Kaukasus vernommen, jener Gegend, in der ja auch Themiskyra, die legendäre Amazonenstadt mit der zinnenbewehrten Burg am Fluss Thermodon in der Nordtürkei gelegen sein soll. Wahrscheinliche Ursprünge der Amazonenlegenden mögen die Priesterinnen der asiatischen Naturgöttin "Ma" und die keuschen, männerlosen und wehrhaften Priesterinnen gewesen sein, die auch als Kulturträgerinnen und Städtegründerinnen (wie Smyrna, Ephesos, Kyme, Myrina etc.) bezeichnet sind. Diese Priesterinnen sind manchesmal in Armeestärke (von 6000 wird in einigen Quellen gesprochen) aufgetreten. Andere Ursprünge bieten die matriarchalen oder matrilinearen, von weiblichem Erbrecht und weiblicher Königswürde bestimmten Völker, wie sie bei den Skythen, den Kelten, den Ägyptern etc. vorgefunden wurden. Auch in Afrika, im Südwesten von Libyen, im Berggebiet von Fezzan, wurden amazonische Darstellungen gefunden. Die Berber gelten als deren Nachfolger, und bei ihnen waren und sind bis zu einem gewissen Grad heute noch die Frauen in einer stärkeren Position als in anderen islamischen Kulturen. Die Berberburg in Marokko, die Themiskyra ähnelt, wird als weiterer Beleg für eine amazonische Frühkultur, vor den Griechen, gesehen. Tatsächlich sind in der Berberkultur meist nur die Berberfrauen des Lesens und Schreibens kundig, sie geben auch anderes wichtiges Kulturgut weiter. Und noch etwas ist interessant: Die Berber nennen sich in ihrer Sprache selbst "Amazigh", ein Wort das Amazone doch ziemlich ähnlich ist. Wir erfahren auch von anderen matriarchalen Kulturen in China, Indien und Mexiko. Auf den Antillen, besonders der Insel Santa Cruz, hatte schon Kolumbus nicht nur Männer, sondern auch kämpfende Arawak-Frauen gegen sich, eine Kultur, die auch heute noch Regeln matriarchalen Ursprungs kennt. Ein Chronist Pizarros erzählt von den "großen Weibern", mit denen sie am Amazonasstrom zu kämpfen hatten. Auf dem amerikanischen Kontinent gab es Schilderungen von Amazonen-Reichen, lange vor der Ankunft der Spanier. Berühmt war im 17. Jh. in Westafrika ein Amazonenkorps von (auch hier) 6000 Frauen, die ledig bleiben mussten. Auch die bei uns etwas in Misskredit geratenen Walküren, oder Brunhild aus der Nibelungensage, werden wohl einen ähnlichen Ursprung gehabt haben, wie die Amazonensagen anderer Kulturen: Die berechtigte Unzufriedenheit der Frauen mit dem Patriarchat und die uneingestandene Beunruhigung der Männer darüber. Die Ethnologie findet immer wieder Gebiete, in denen Frauen das Sagen haben, Gesellschaften mit flachen Hierarchien, Meinungsbildung im Konsens und ökologischer Vernunft. Tatsächliche Beweise für einen Frauenstaat der Kriegerinnen gibt es aber - bisher - nicht. Um für unsere Rechte heute einzutreten, ist aber ein Beleg aus der Vorzeit auch nicht nötig. Die Amazone, gebündelt in der schillernden Figur der Penthesilea. Der Fokus auf diese Königin der Amazonen in den diversen Legenden und literarischen Verarbeitungen bewirkte eine differenzierte Betrachtungsweise, die in vielfältigen Deutungen und Deutungsmustern des Amazonen-Bildes zwischen Wunschprojektion und kritischer Hinterfragung ihre Strahlkraft trübte. Heute nimmt eine amazonische Vorstellung als erotische Anziehung auf beide Geschlechter in der Popkultur ihren Platz ein. Eine Superwoman zu sein, eine alleinkämpfende Amazone, ein weltbekannter Popstar, diese Wunschvorstellung erinnert ein wenig an den Traum von der Tellerwäscherin zur Millionärin, ein Traum vom individuellen Glück. Der Frauenstaat der Amazonen hingegen ist eine hochethische solidarische Freundinnenschaft, die ein egoistisch verfolgtes Glück hintanstellt, bei der die Bewahrung der Gemeinschaft im Vordergrund steht. Ein Modell, das ein gewisses Maß an Rigidität erfordert. Die Amazonen sind ein attraktiver Mythos, ein Mythos, den wir nutzen können, indem wir ihn abklopfen auf die Brauchbarkeit seiner starken Chiffren für unsere heutige Widerständigkeit. AUF 128 - Von AMAZONEN, der Biene Maya und anderen Frauengestalten |
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